Unter dem Titel „Wirtschaft und Artenvielfalt – stellen Journalisten die richtigen Fragen?“ lud das Netzwerk Weitblick am 28. Juni 2019 zum 3. Forum Weitblick in das Haus der Demokratie und Menschenrechte in Berlin zu Vorträgen und Diskussionen. 

Heike Janßen – geschäftsführende Vorständin und Vorsitzende für Aus- und Weiterbildung und Internationale Kooperationen des Netzwerk Weitblick – sprach in ihrer Keynote darüber, warum das Querschnittsthema Nachhaltigkeit prominenter und dauerhaft in die Berichterstattung und daher auch in die journalistische Aus- und Fortbildung gehört.

Hier lesen Sie Ihre Keynote:

Im Jahr 2015 hat die Weltgemeinschaft die Agenda 2030 mit ihren 17 Zielen für Nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) verabschiedet. Mit dem Titel „Transformation unserer Welt“ ist der Anspruch verbunden, grundlegende Veränderungen in Politik und Gesellschaft anzustoßen. Es geht um einen neuen Lebensstil, eine andere Art zu wirtschaften, eine andere Art der Mobilität und des Umgangs miteinander. Und: Ob es uns nun passt oder nicht: Es sieht so aus, als bliebe den Menschen nichts anderes übrig, als schnell zu handeln, wenn wir die Erde als einen Planeten erhalten wollen, der für ALLE Menschen ein lebenswertes Umfeld bietet.

Darum sollten Themen, die in Verbindung mit den SDGs stehen, nach Auffassung des Netzwerk Weitblick viel prominenter in die Berichterstattung gelangen. Nicht immer als Hauptthema, aber so oft wie möglich als ein zusätzlich recherchierter Aspekt. Und darum gehört auch das Wissen um die Inhalte der SDGs in die journalistische Aus-, Fort- und Weiterbildung. (Journalisten=alle/Leser = radio/TV/online)

1. Die Berichterstattung

Seit wir das Netzwerk Weitblick gründeten, und das ist gerade mal vier Jahre her, sind Themen wie Artensterben, Plastikmüll und der Klimanotstand viel prominenter in die Bericherstattung gelangt, gerade jetzt reden alle davon, und bis hin zur CSU tun auf einmal viele so, als hätte der Kampf gegen den Klimawandel für sie schon immer allerhöchste Priorität gehabt. Dass das Thema endlich in der breiten Diskussion angekommen ist, ist gut, aber ohne Fridays for Future und die Unterstützung durch Wissenschaftler hätte das sicher noch länger gedauert.

Dennoch habe ich die Befürchtung, dass andere Themen diese so wichtigen schnell wieder verdrängen können. Nachhaltigkeitsthemen entsprechen oft nicht den Nachrichtenkriterien, wenn sie nicht gerade Hitzesommer, Hurrikan oder Bienensterben heißen. Und meistens haben sie nur kurz Konjunktur, bis sie verdrängt werden.  

Medien nutzen verständlicherweise die aktuellsten oder brisantesten Ereignisse  als Aufmacher. Die Risikowahrnehmung und die Gewichtung durch Journalisten geschehen dabei nicht immer nach langfristiger oder grundlegender Bedeutung der Themen, sondern nach momentaner Aktualität, manchmal haben Themen auch einfach Konjunktur. Im Fokus umfangreicher Berichterstattung stehen derzeit z.B. die Führungsdiskussion in der SPD, der Umgang der CDU mit der AfD, der Konflikt zwischen den USA und Iran. Das sind alles wichtige Themen, über die zu Recht berichtet wird. Allerdings sind Bedrohungen wie Artensterben und Klimawandel, Ressourcenknappheit, Wassermangel oder Bodenerosion langfristig existentieller. Diese Themen tauchen in den Nachrichten oder in Ressorts auf – aber als Beiträge mit der selben Gewichtung wie die Fusion von Renault und Fiatchrysler, die Formel eins oder die Hochzeit von Prinz Harry. Wenn ein anderes Ereignis hochkocht, wendet sich der kollektive Blick dorthin. 

Die großen Bedrohungen für Menschen bestehen ständig im Hintergrund weiter, und es ist klar, dass sie nicht immer Aufmacher sind, denn es passiert nun mal nicht jeden Tag etwas Neues, Sie sind zudem abstrakt und im Alltag nicht immer spürbar oder eindeutig zuzuordnen und darum manchmal schwer zu vermitteln Es bringt auch nichts, wenn die Menschen durch redundante Katastrophenberichte gelangweilt oder frustriert den Blick abwenden 

Aber: Es ist Aufgabe von Journalisten, über das zu informieren, was das Leben der Menschen maßgeblich beeinflusst. Nachhaltigkeitsthemen sind fast durchweg Zukunftsthemen! 

Und es funktioniert, Nachhaltigkeit auf andere Weise mehr in die Berichterstattung zu integrieren, denn fast alle derzeitigen Herausforderungen für Wirtschaft und Gesellschaft sind auf nicht-nachhaltiges Wirtschaften und Leben zurückzuführen und darum kann man bei fast jedem Thema eine Verbindung zu einem oder mehreren der SDGs  herstellen. Mit dem Klimawandel etwa hängen globale Ernährungs- und Trinkwasserprobleme, Biodiversitätsverlust, kriegerische Auseinandersetzungen und Migration zusammen. Die SDGs berühren das Leben in Megacitys und auch im ländlichen Raum sowie die Art, wie Menschen konsumieren, mobil sind, sich kleiden und miteinander umgehen. 

In allen Ressorts können Journalisten überlegen, wie sie die SDGs „mitdenken“ und in die aktuelle Berichterstattung einfließen lassen können – ganz und garnicht stets als Hauptthemen, sondern als zu beachtende Facetten. Journalisten können bei Pressekonferenzen und Interviews Fragen zu Nachhaltigkeitsaspekten in den Vordergrund rücken. Dabei müssen die Begriffe Nachhaltigkeit oder SDGs ebenfalls nicht immer exlizit auftauchen. 

Wieso sollten Journalisten das tun?

Ich setze mal voraus, dass hier jeder verstanden hat, dass unsere Lebensgrundlagen gleich von mehreren Seiten stark bedroht sind, allen voran der Klimanotstand und das Artensterben, und dass wir schnell handeln müssen. 

Die Herausforderung für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ist es jetzt, politische und institutionelle Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass ein umfassender gesellschaftlicher Wandel in Richtung Nachhaltigkeit ermöglicht wird – und angesichts des Klimawandels, der möglicherweise noch schneller fortschreitet als gedacht, muss das sehr schnell gehen!

Der Diskurs muss in der Gesellschaft verstärkt angestoßen und transportiert werden. Denn: Ohne Mitwirkung und Akzeptanz der Bevölkerung funktioniert die Transformation nicht. Politiker, die mit Ordnungspolitik die notwendigen wirklich radikalen Veränderungen anstoßen wollen, müssen mutig sein.Sie müssen vor allem aber auch gewählt werden, und das, obwohl manche von ihnen geplante Maßnahme unpopulär ist. Menschen ändern ihr Verhalten leichter, akzeptieren eher Veränderungen, wenn sie die Gründe dafür nachvollziehen können.

Damit diese Informationen zu Zukunftsfragen, die jeden angehen, auch möglichst viele erreichen, braucht es unter anderem Journalist*innen, die Fakten und wissenschaftliche Erkenntnisse und auch unterschiedliche Sichtweisen über die besten Maßnahmen und die richtigen Wege vermitteln.

Der britische „Guardian“ hat übrigens vorgeschlagen, auf die Klimakrise so zu reagieren wie auf den drohenden Ausbruch des zweiten Weltkrieges. „Damals war es Ziel der Journalisten, die Welt wachzurütteln angesichts der Katastrophe, die drohte. Wir müssen die Klimakrise genauso behandeln.“, heißt es übersetzt in der Ankündigung des Projektes: „Covering Climate now“. (schauen, wie das jetzt aussieht, Bildschirmfoto)

Im Klartext bedeutet das: Nachhaltigkeitsthemen und besonders das Klima müssten viel öfter oder eigentlich sogar fast immer großes Thema  sein, weil es so gravoerend ist, wie es auch ein Weltkrieg wäre. Das haben die Menschen verstanden, die sich intensiv damit auseinandersetzen. ((Schließlich erklären auch zunehmend Städte und Staaten den Klimanotstand.)) 

Übertragen auf Deutschland könnte das heißen: Vor der Tagesschau sendet die ARD nicht die Börsenkurse, sondern einen Blick auf den Zustand der Erde!

Wichtig ist für die Berichterstattung auch der folgende Aspekt:

Nachhaltigkeit ist ein Such-, Lern- und Veränderungsprozess. Sehr viele Faktoren beeinflussen sich gegenseitig, und nicht alle Einflüsse sind den Wissenschaftlern und Strategen schon bekannt, Beispiel Klimawandel: Es gibt nicht die eine Lösung, sondern viele Wege, die wir parallel beschreiten und ausprobieren müssen, ohne zu wissen, ob und wie sie funktionieren. Und durch unser Verhalten verändern wir zugleich ständig die Rahmenbedingungen und die Daten. Auch das müssen Journalisten gut erklären können, um Enttäuschung und Unglaubwürdigkeit zu verhindern. Sonst können sie nicht reagieren, wenn ihre Leser fragen: Was ist eigentlich mit dem Waldsterben, der Wald ist doch noch da? Und das Ozonloch wird doch kleiner?

In den meisten journalistischen Ausbildungsgängen liegt derzeit der Schwerpunkt auf journalistischen Techniken wie Recherche, mobile Reporting oder Selbstvermarktung. Das ist alles wichtig, aber wer anerkennt, dass die Menschheit gerade gemeinsam mehrere existentielle Probleme lösen muss und gut informiert sein sollte, sollte sich bezüglich der Zukunftsfragen sehr viele kompetente Journalisten wünschen.

2. Ausbildung

Gut informieren über die SDGs kann nur, wer selbst gut informiert ist. Ausbildungseinheiten zu den SDGs sensibilisieren Journalist*innen für die wichtigen Themen und helfen, adäquate Schwerpunkte zu setzen

Natürlich können Journalistenschulen und Universitäten keine Fachleute ausbilden, aber Journalisten sollten wichtige Institutionen, Experten, Fakten, Argumente und Sichtweisen zu Fragen im Bereich der SDGs und verschiedenen Lösungswegen kennen, als Basis für Recherchen und vielleicht auch, um sich später auf ein Gebiet zu spezialisieren. Sie sollten seriöse Informationen von Fakenews und PR unterscheiden können. Und manchmal andere Fragen stellen:

Ein Beispiel: Bei Wirtschaftsberichterstattung geht es neistens um Umsatz, Gewinn und Cashflow. Für die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen sind aber auch Instandhaltungsinvestitionen, der Umsatzanteil umwelt- und sozialverträglicher Produkte und die ökosozialen Haftungs- und Regulierungsrisiken in der Produktions- und Zuliefererkette entscheidend. 

Dass zeigen zahlreiche Fälle wie BP (Ölkatastrophe im Golf von Mexiko verursachte mehrere zig Milliarden Dollar an Kosten); die mehr als 1100 Toten beim Einsturz eines Fabrikgebäudes in Bangladesch; Volkswagen (Abgasbetrugsskandal mit Rechtsverfahren, Kosten, Streichung Tausender Stellen). Es ist also wichtig, dass Journalisten sich frühzeitig mit potenziellen, vielleicht erst einmal unwahrscheinlich erscheinenden (Nachhaltigkeits-) Risiken befassen, also mit Dingen, über die Unternehmen, Politiker  und andere Akteure nicht von selbst berichten. Dafür müssen Journalistinnen sensibilisiert werden. 

Einen Überblick über Nachhaltigkeit sollten alle Journalisten haben, um die komplexen globale Herausforderungen spannend für lokale- und regionale Medien aufbereiten zu können,– wo sie  viele Menschen erreichen, die sich nicht unbedingt in den großen Medien von spezialisierten Journalisten informieren lassen. 

Nachhaltigkeit ist eine globale Herausforderung, aber die notwendige Transformation muss auch regional und lokal von möglichst Vielen mitgetragen und angegangen werden. Darum ist es wichtig, dass regionale und lokale Medien globale Themen auf die Alltagsebene herunterbrechen und den Lesern, Zuhörern und Zuschauern die Tragweite weltweiter Herausforderungen für die eigene Region verdeutlichen und umgekehrt die Auswirkungen lokalen und regionalen Handelns auf das Leben weit entfernter Menschen. 

Beispiele sind Fragen wie: Wie klimafreundlich ist der in der Region ansässige internationale Konzern? Wie agiert er in anderen Ländern? Was tun unsere Mittelständler? Oder auch Servicegeschichten: Was kann ich selber tun? Wir plädieren dafür, Ressortgrenzen aufzubrechen.

Nachhaltigkeit berührt immer mehrere Ressorts. Interdisziplinäre Recherchen ergeben spannende Geschichten, weil sie neue Sichtweisen bieten. Das kann in der Ausbildung trainiert werden

Nachhaltigkeit hat eine Querschnittsfunktion. Sie berührt oft mehrere Lebens-, Gesellschafts-, Wirtschafts- und Politikbereiche gleichzeitig. Daher berührt ein Ereignis meistens auch mehrere journalistische Ressorts zugleich. Da Journalisten auch oft in Ressorts arbeiten und denken, werden selten in einem Bericht alle Aspekte angesprochen. Ein Blick über den Ressortrand hilft aber oft weiter: Das Thema „Zukunft der Städte“ beinhaltet etwa unter anderem: Politik, Wirtschaft, Mobilität, Energieversorgung, neue Bautechniken, Wärmedämmung, Müllentsorgung, Ernährung, Wasserversorgung,  Freizeit und vieles andere. Wer sich nicht scheut, jenseits seines vertrauten Terrains zu recherchieren oder mit Journalisten anderer Fachrichtungen zu kooperieren, stellt andere Fragen. Diese können einer Geschichte einen ganz anderen Dreh geben. Die Berichte werden fundierter und interessanter, weil relevanter oder aus neuer Perspektive. Darum ist es sinnvoll, das Gespür angehender Journalisten für interdisziplinäres und ressortübergreifendes Denken zu schulen. 

Was für einzelne Journalisten gilt, gilt auch auf der Ebene der Redaktionen. Die thematisch fokussierten Ressorts stellen die oben genannten Wechselwirkungen selten dar. So kommt es, dass Nachhaltigkeitsthemen von einer Redaktion zur anderen geschoben werden, weil sich niemand zuständig fühlt. Zur Zusammenarbeit über Ressortgrenzen hinweg können angehende Führungskräfte durch Aus- und Fortbildung angeregt werden. 

Gerade SDG-Themen erfordern häufig konstruktiven oder lösungsorientierten Journalismus

Weil komplexe Themen, die dazu noch drohende Szenarien beinhalten,  bei Lesern, Hörern und Zuschauern oft Hilflosigkeit auslösen, ist es manchmal sinnvoll, (potenzielle) Lösungswege aufzuzeigen, damit die Rezipienten sich nicht abwenden. Relevant sind nicht mehr nur die herkömmlichen journalistischen W-Fragen „was, wer, wann, wo, warum“, sondern zu fragen ist auch: „Wie geht es weiter?“ und „Wohin soll die Reise gehen?“. Wir sollten die Menschen nicht unterschätzen. Sie verfolgen gern Berichte über interessante Erfinder, Wissenschaftler oder ganz normal Erdenbürger, die sich Gedanken zur Rettung der Welt machen und Herausforderungen mit tollen Ideen meistern, sie lassen sich auch gern anregen, selbst etwas zu tun, wenn es im Rahmen ihrer Möglichkeiten liegt. 

Journalisten müssen, wie bei allen anderen Themen, auch bei Nachhaltigkeit kompetent sein, um Fake News entgegenzuwirken und das Vertrauen in seriösen Journalismus wiederherzustellen

Der Journalismus als sogenannte „vierte Gewalt“ im Staat ist heute mit einer „fünften Gewalt“ konfrontiert: die vielen Aktiven und auch selbsternannte Journalisten in den sozialen Medien, die nicht nach journalistischen Maßstäben arbeiten. Neben vielen nützlichen Informationen verbreiten Blogs, Social Media und Algorithmen viele Halbwahrheiten und gefährliche Lügen – die oft gerade der Erreichung der  SDGs entgegenstehen. Infolgedessen zweifeln immer mehr Menschen Fakten und wissenschaftliche Ergebnisse an oder folgen bei brisanten Themen einfachen Wahrheiten und eigenen Vorurteilen, statt zwischen Gerüchten und Tatsachen zu unterscheiden. Das wird unter anderem deutlich am Beispiel der Klimakrise, die Zah l der Klimaleugner und deren unwissenschaftliche Argumente verbreiten sich hauptsächlich online.  Angesichts dessen steigt die Relevanz von Qualitätsjournalismus im Allgemeinen und von Journalismus zu Nachhaltigkeitsthemen im Besonderen.

Eine gute Ausbildung ist nötig, um Greenwashing und PR-Sprech zu enttarnen und Journalisten für die Zweckentfremdung von Begriffen zu sensibilisieren.

Unternehmen, Finanzakteure und Politik tendieren dazu, sich nachhaltiger darzustellen, als sie es tatsächlich sind. Sie betreiben Greenwashing. Dieses zu erkennen, um in der Berichterstattung nicht darauf hereinzufallen, bedarf auch bezüglich der SDGs geschulter Augen und Ohren. Dann fällt beispielsweise auf, dass sich Kollegen von geschickter PR verleiten lassen und die Energiewende als zu teuer darstellen, statt die Subventionen für fossile Energien einzupreisen, anstatt Gesamtkosten über die Lebenszyklen der Energieträger und die Folgekosten zu recherchieren und zu einer sachlich gut begründeten anderen Darstellung zu gelangen.

Der Hunger lässt sich mit diesem Konzept nicht bekämpfen, da er vorrangig auf dem Lande und in der armen Bevölkerungsschichten grassiert, die sich die Zutaten zum industriellen Weg nicht leisten können und auch nicht über das notwendige Wissen verfügen, ihn zu gehen. 

SDG 2 schlägt explizit einen anderen ökologischen Weg vor. Auch SDG 6 „Sauberes Wasser“, SDG 10 „Verringerung von Ungleichheiten“, SDG 12 „Verantwortliche Produktion und Konsum“ werden dabei verletzt, wie auch SDG 13 „Klima zu schützen“, auch SGD 14 und 15 stehen mit dem industriellen Weg in Konflikt.

Zahlreiche Akteure verwenden zudem den Begriff „nachhaltig“ unkorrekt. Er wird praktisch nie im strengen Sinne verwandt, demnach wäre eine Produktion nämlich nur nachhaltig, wenn die Naturressourcen gleich bleiben oder durch die Produzenten wieder aufgebaut werden. In diesem eigentlichen Sinne ist kaum eine Produktion tatsächlich nachhaltig. Häufig werden im Kleinen Fehler gemacht, wenn etwa über faire Kleidung gesprochen wird, aber fair sich etwa nur auf die Herstellung der Baumwolle, aber nicht auf die restliche Wertschöpfungskette bezieht. Viele Journalisten übernehmen derartigen Sprachgebrauch allzu häufig unreflektiert. Auch andere Begriff wie Klimawandel, … gehören regelmäßig auf den Prüfstand- weil sie verharmlosen oder verfälschen. 

Die britische Tageszeitung Guardian, dessen Online-Ausgabe weltweit zu den meistgelesenen Nachrichtenseiten gehört, will statt „Erderwärmung“ von „Erderhitzung“ sprechen. Statt  ‚Klimawandel‘, was ziemlich passiv und sanft klinge, von „Klima-Notstand“ sprechen, von „Klimakrise“ oder „Klima-Zusammenbruch“, weil das, worüber die Wissenschaft spricht, eine Katastrophe für die Menschheit ist.“ „Wir wollen sicherstellen, dass wir wissenschaftlich präzise sind und zugleich klar mit unserer Leserschaft über dieses sehr wichtige Thema kommunizieren“, zitiert das Blatt seine Chefredakteurin, Katharine Viner. (quelle SZ)

Ebenso: Klimawandelleugner statt Skeptiker. Sie würden „im Angesicht überwältigender wissenschaftlicher Belege leugnen, dass der Klimawandel stattfindet oder durch menschliche Aktivitäten verursacht ist“. Daher sei die Bezeichnung „denier“ korrekter, zu deutsch: „Leugner“ oder „Verweigerer“.

Ambitionen zukunftsorientierter Nachwuchsjournalisten werden aufgegriffen 

Immer mehr junge Leute verstehen, dass wir umsteuern müssen, wie die Fridays for Future-Streiks zeigen und auch die große Zahl an ‚grünen‘ Startups in allen Branchen. In der Medienwelt spiegelt sich das unter anderem in der Gründung neuer Publikationen und journalistischer Geschäftsmodelle wider. Auch angehende Journalisten interessieren sich für Nachhaltigkeitsthemen und wollen dazu mehr wissen. Das berichten Ausbilder und das zeigen die Erfahrungen aus der Qualifizierungsinitiative des Netzwerks Weitblick. 

Nachhaltigkeitsthemen, gut aufbereitet, werden gern vom Publikum gelesen, gehört und gesehen

NDR Info- die Serie Perspektiven- löst die meisten Hörerdiskussionen online aus. Anfangs wurden sie belächelt und die Themen waren schwer unterzubringen. Heute geben sie damit an. Auch NDR Fernsehen- Berichte zu Klima oder Plastikmüll werden sehr interessiert aufgenommen, nicht nur von den „Alten“, die man gemeinhin zur wichtigen Zuschauergruppe der öffentlich-rechtlichen zählt. Wir sollten unsere Leser nicht unterschätzen. Die meisten lieben Herausforderungen und hören gerne von neuen Ideen und Querdenkern. 

Kann oder sollte man als Journalistin Haltung im Bereich Nachhaltigkeit zeigen? Wir wollen dazu eine Diskussion anregen. 

Journalisten sind nicht einfach „neutrale“ Beobachter, sondern haben auch eine Haltung. Diese Haltung bezieht sich meistens auf den Wertekanon aus Demokratie, Freiheit, Gleichberechtigung und Menschenrechten und wird zum Beispiel gegen Rechtsextremismus oder Antisemitismus oder bei Berichten über Regierungen im Iran, in Nordkorea oder Russland selbstverständlich eingenommen. Einige Medienhäuser verlangen bei Festanstellung eine Unterschrift unter das Bekenntnis zur freiheitlichen Demokratie und sozialen Marktwirtschaft. Der Pressekodex als freiwillige Selbstverpflichtung enthält publizistische Grundsätze und ethische Richtlinien. Kann die Bekenntnis zur Nachhaltigkeit und den nachhaltigen Entwicklungszielen daran angeschlossen werden? Abgesehen davon, dass die SDGs die oben genannten Werte unterstützen, kann man viele SDGs mit wissenschaftlichen Fakten untermauern. 

Eigentlich toll, wenn Journalisten sich für eine bessere Welt einsetzen, ich wage zu behaupten, dass viele aus dem Grund Reporter geworden sind. Weil sie Misstände aufdecken, Ungerechtigkeiten beseitigen wollen. Doch was genau könnte eine Haltung zu den SDGs in der Praxis bedeuten? Bei Demokratie, Menschenrechten u.ä. ist das vergleichsweise einfach und lässt sich vereinfacht übersetzen  in: Sei kein Nazi, sei kein Rassist, etc. Aber wie soll das bei Nachhaltigkeit aussehen? Nachhaltigkeit ist zwar wie Menschenwürde ein grundlegender Wert, aber in der Ausgestaltung doch wesentlich variabler.  Iss kein Fleisch? Fahr kein Auto? Fliege nicht? Soll es ein Bekenntnis zur Nachhaltigkeit bei der Festanstellung geben? Wie sollte das aussehen? Wer definiert hier nachhaltiges Verhalten und wer kontrolliert und sanktioniert das?

„Für den Guardian ist Umweltberichterstattung eine Priorität. Wir geben Berichten über Klima, Umwelt und Umweltverschmutzung die Bedeutung, die sie verdienen. Den Geschichten, die von Medien oft unerzählt bleiben. In dieser entscheidenen Zeit für die menschen und unseren Planaten, sind wir entschlossen, unsere Leser über Bedrohungen, Konsequenzen und Lösungen zu informieren, auf der Basuis wissenschaflicher fakten, nicht aufgrund politisch geleiteter  Vorurteile, oder gechsäftsinteressen“

Die Dramatik der Situation – in den nächsten zehn Jahren, sagen Klimawissenschaftler, werden die Weichen gestellt – ist von der Art, dass es tatsächlich nur die Entscheidung zwischen Handeln oder Bremsen gibt. Wobei zu letzterem auch das Nichtstun und das Nicht-entschieden-sein gehört, weil der Status quo von allein auf die Katastrophe zusteuert – wo sich diese wie im von Dürre geplagten Ostafrika nicht eh schon eingestellt hat. In Zeiten der Klimakrise also erscheinen Denkfiguren überholt, die zentral und rundweg positiv besetzt waren seit Mitte des 20. Jahrhunderts: die Ambivalenz, die Mehrdeutigkeit, die Unentscheidbarkeit. 

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