Dieser Beitrag von Claus Reitan erschien in „Die Presse“, Print-Ausgabe, 19.03.2014

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Zu den Heimsuchungen seriöser Tageszeitungen Österreichs gehört die im Europa-Vergleich niedrige Förderung bei hoher Besteuerung. Doch noch ehe die Regierung die misslichen Verhältnisse in Presseförderung und Steuerwesen in Ordnung zu bringen vermag, melden sich neue Bittsteller, um nach Subvention zu heischen. Die Gratiswochenzeitungen verweisen gegenüber den Mediensprechern der Parlamentsfraktionen auf eine ihr Begehren angeblich stützende Untersuchung. Diese vermag jedoch einer Überprüfung durch praktischen Journalismus keinesfalls standzuhalten.

Die im Verband der Regionalmedien zusammengeschlossenen etwa 180 Bezirksblätter seien komplementär zu den regionalen Tageszeitungen zu sehen, schreibt das Österreichische Institut für Medienwirtschaft an der FH St. Pölten zu deren publizistischer Leistung. Also eine Ergänzung. Daher, so folgert der Verband keck, stünde ihnen ebenso Presseförderung zu wie Kaufzeitungen. Einspruch! Hier irrt jemand, und zwar gewaltig.

Sogar die Untersuchung muss einräumen, dass sich die Bezirksblätter überwiegend mit Service, Gesellschafts- und Ratgeber-Themen befassen. Lediglich fünf Prozent der Beiträge befassen sich mit Politik, drei Prozent mit Wirtschaft. Von publizistischer Leistung lässt sich also kaum sprechen, fehlt es doch an politisch relevanter Information, an Kritik und Kontrolle in kommunalen Fragen, an Meinung und ihrer Vielfalt.

Kompetente Redaktionen

Wesentliche lokale Information findet sich hingegen in den Online-Diensten und in den gedruckten Ausgaben der qualitativen Bundesländer-Zeitungen, wie ein Blick ins Land zeigt: Die „Oberösterreichischen Nachrichten“ erscheinen täglich in sechs, die „Tiroler Tageszeitung“ in acht Lokalausgaben. Die „Kleine Zeitung“ hält es ähnlich, erschließt online die Bezirke Kärntens und der Steiermark. Die „Salzburger Nachrichten“ präsentieren sechs Varianten der Salzburger Woche. Diese Verlage betreiben überdies kompetente Redaktionen, die ihren Bezirks- und Lokalredakteuren im Berufsalltag beizustehen vermögen, wenn es um unabhängigen, qualitativen und kritischen Journalismus geht. Den Vergleich damit wagt die Studie nicht.

Warum Autoren-Kürzel fehlen

Den Mangel an Autoren-Kürzeln in den meisten Beiträgen begründet die Untersuchung mit dem geringen Personaleinsatz. Ein Schelm, wer Kennzeichnung vermisst und dann an die Vermischung von Anzeigen und Redaktion, von Verlautbarung und Journalismus denkt. Die vermeintliche Expertise offenbart die Wahrheit ungewollt: In Bezirkszeitungen werden Agenturmeldungen durch „lokal relevante Unternehmensinformationen oder PR-Beiträge substituiert“.

Diese Gratiszeitungen hätten einen hohen „pragmatischen Informationsnutzen“, da die Leser von „Insidern“ der lokalen Kultur „konkrete Handlungsempfehlungen“ erhielten. Journalistische Unabhängigkeit im Dienste mündiger Bürger sieht anders aus.

Zehntausende Leserinnen und Leser zahlen in den Bundesländern für ihre regionale Tageszeitung. Zahlungsbereitschaft fürs Abonnement gilt als Beweis für Glaubwürdigkeit, Unverzichtbarkeit und Wertschätzung des Titels.

Genau diesen Beweis wollen die Gratiszeitungen weiter schuldig bleiben – auf Kosten der Steuerzahler. Statt Entgelt am Markt zu verlangen, verbreiten sie eine in sich unschlüssige Studie, die Ungleiches vergleicht. Diese Heimsuchung ist geeignet, die Verwirrung über Presseförderung zu erhöhen, statt zu vermindern.

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