Nachhaltigkeitskommunikation

Von Evelyne Huber und Claus Reitan

30 Jahre nach Tschernobyl

shutterstock / Eight Photo

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26. April 1986 – Der Tag, der unser Leben für immer veränderte – Auch meines.

Es ist kurz vor halb zwei Uhr nachts. Die Dunkelheit hat die Sowjetunion, zu der auch die heutige Ukraine gehört, verschluckt. Es ist still und ruhig, ein Samstag wie jeder andere“. So schreibt dies GLOBAL 2000 auf seiner Website mit dem Titel 26. April 1986. Der Tag, der unser Leben für immer veränderte. „Noch kann niemand ahnen, was in wenigen Sekunden passieren wird. Noch weiß niemand, dass sich die größte Nuklearkatastrophe der Menschheit direkt vor unserer Haustür abspielen wird, mit der wir noch 30 Jahre später zu kämpfen haben werden. Ein fatales Experiment nimmt seinen Lauf…!“

Im April 1986 bereitete ich – Evelyne Huber – mich gerade auf die Matura vor. Dass die Natur der menschlichen Gesundheit schaden könnte, dieser Gedanke existierte nicht. Unvorstellbar. Dennoch war es so: Wolken mit dem radioaktiven Fallout verteilten sich über die gesamte nördliche Halbkugel. Österreich zählt, aufgrund der damals herrschenden zahlreichen Regenfälle, zu den am stärksten betroffenen Gebieten Westeuropas. Bildschirmfoto 2016-04-21 um 15.07.47Von den insgesamt 70 PBq freigesetzten Radiocäsiums wurden 1,6 PBq, also 2 %, in Österreich deponiert, die durchschnittliche Belastung an Cs-137 aus dem Tschernobyl-Ereignis lag 1986 bei 22 kBq/m.

Ein einhalb Jahr später erkrankte meine Mutter an Krebs. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete ich gerade in meinem ersten Job, in der Promotionabteilung eines internationalen Musikkonzerns. Berufsbegleitend studierte ich an der WU Wien Werbung & Marketing. Ich lernte, die Welt des Edward Louis Bernays kennen. Die Welt der PR, der Marktforschung und der „Meinungsbeeinflussung“. Es war spannend.

Zwei Jahre später verstarb meine Mutter. Am Sterbebett meiner Mutter sagte der behandelte Arzt, dass es schade wäre, dass sie heute schon gestorben wäre, wo sie doch morgen ihre letzte Chemotherapie gehabt hätte. Während ich vergeblich versuchte, den allzu frühen Tod meiner Mutter zu begreifen und zu verschmerzen, klangen die Worte ihres Arztes nach. Hätte er wohl bei seiner Ehefrau diesselbe Therapie angewendet? War die Strahlen-Therapie sinnvoll?  Wird uns in der Öffentlichkeit etwas verschwiegen? Was macht uns krank, was wir nicht wissen? Immer neue Fragen drängten sich mir auf: Was ist mit Umweltgiften? Strahlenbelastungen? Arzneimitteleinträgen? Antibabypille? Kriegstraumen? Chemotherapien?….

Wir müssen reden!

Bis heute verharmlost die Regierung in Moskau den GAU. Viele Menschen, die als Feuerwehrleute die Brände damals im Atomkraftwerk löschen mussten oder als Liquidatoren den Betonsarkophag um die explodierte Reaktorhalle bauten, starben sofort oder kurze Zeit nach dem Unfall. Viele andere von den geschätzten 600.000 Menschen, die an den Aufräumarbeiten beteiligt warem, erkrankten wenig später an Krebs.

Über die weltweiten gesundheitlichen Langzeitfolgen gibt es seit Jahren Kontroversen. Die WHO hält insgesamt weltweit ca. 8.000 Todesopfer (davon ca. 4.000 direkt zuzuordnen und weitere ca. 4.000 nachfolgend) für gesichert. Dies geht aus Presseunterlagen der Oberösterreichischen Landesregierung am 21.4.2016 hervor. Eine neue Studie des britischen Radiologen und Experten für biologische Strahlenfolgen, Dr. Ian Fairlie untersucht die gesundheitlichen Auswirkungen des Atomunfalls in Tschernobyl. Er rechnet in den kommenden 50 Jahren mit bis zu 40.000 Krebstoten in Westeuropa infolge des Reaktorunfalls – mit bis zu 2.000 in Österreich. Der Wissenschafter geht davon aus, dass zwischen 8 und 40 % der erhöhten Fälle von Schilddrüsenkrebs in Österreich nach 1990 wahrscheinlich auf Tschernobyl zurückzuführen sind. Die Studie spricht auch von einem
erhöhten Auftreten von Leukämie, Herzkreislauferkrankungen und Brustkrebs, in besonders stark betroffenen Regionen.

Meine Mutter starb im Jahr 1989 an den Folgen von Brustkrebs. Ob Tschernobyl ausschlaggebend war, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass wir Menschen die Kapazität und Kompetenz haben, die Natur zu zerstören. Und manchmal passieren Großereignisse wie eine Nuklearkatastrophe, welche ganze Regionen unbewohnbar werden lassen. In Russland, der Ukraine und Weißrussland mussten ca. 6.400 km² an landwirtschaftlicher Fläche und Waldgebieten für die menschliche Nutzung aufgegeben werden, die nahe dem Kraftwerk gelegen und sehr hoch belastet waren.

Wo Menschen arbeiten, können Fehler passieren. Selbst wenn wir dies gar nicht wollen oder gar nicht wissen. Darüber müssen wir reden, kommunizieren und daraus lernen.

Meine Mutter wurde an meinem 24. Geburtstag begraben. Ich verließ in der Folge die Welt der Werbung und der PR – nahm Edward Bernays Wissen mit in die Welt von  Hannes Haas – in die Welt der Aufklärung und der Erkenntnis. Ich wurde Journalistin.

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Evelyne Huber • 2016-04-21


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