Nachhaltigkeitskommunikation

Journalismus und Beratung für nachhaltige Entwicklung. Von Evelyne Huber und Claus Reitan.

Medienethik

netzwerk-medienethik.de

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Die digitale Revolution hat gewaltige und tiefgehende Umbrüche in der Medienlandschaft ausgelöst. Die damit verbundenen medienethischen Probleme – von der Entgrenzung des journalistischen Berufsbildes bis zur Frage von Kooperation und Konkurrenz mit der PR – gehören systematisch reflektiert. Die Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München und ihr Stiftungslehrstuhl für Medienethik nehmen sich dieser Aufgabe an. In Kooperation mit Netzwerk-Medienethik wurde zur Fachkonferenz  „Die Macht der strategischen Kommunikation“ mit dem Untertitel „Medienhandeln im Zusammenhang von Propaganda, PR und Big Data“ am 18. und 19. Februar nach München geladen.

Das Thema der Kommunikations- und Medienethik wurde an aktuellen Beispielen von den verschiedenen Seiten beleuchtet. Der erste Konferenztag war in die Kategorien „Sehen, Urteilen und Gestalten“ eingeteilt.

Bei der Kategorie „Sehen“ ging es um die Trends und Herausforderung der strategischen Kommunikation. Christopher Storck von der Quadriga Hochschule in Berlin, Curt Simon Harlinghausen, Geschäftsführer der Agentur AKOM360 GmbH und Romy Fröhlich von der Ludwig-Maximilians Universität in München diskutierten Mängel in der Diskussion- und Meinungskultur, etwa die Unklarheit und Unschärfe der Begriffe sowie die Neigung zu einer Kultur des Misstrauens, die auf Unsicherheit über Wahrheit beruht.

In der zweiten Kategorie „Urteilen“ ging es um die Beurteilung der strategischen Kommunikation. Am Podium diskutierten der Publizist Thomas Leif aus Mainz und Guido Zurstiege von der Universität Tübingen über die „Einhegung der Öffentlichkeit“ durch politische Kommunikationsabteilungen. Eine Forderung aus der hitzigen Diskussion von Thomas Leif: Reform des Presserates und eine strikte Trennung von Journalismus und PR in der Ausbildung.

Die Kategorie „Gestalten“ fragte „Was tun?“, denn Transparenz sei zentrale Herausforderung angesichts neuer Möglichkeiten strategischer Kommunikation. Am Podium saßen die Kommunikationsleiterin Regine Kreitz von der Hertie School of Governance in Berlin, Markus Karp von der TH Wildau und ehemaliger Wahlkampfmanager und der Ressortleiter der Außenpolitik der Süddeutschen Zeitung Stefan Kornelius. Er forderte Deeskalation und etwas mehr an Gelassenheit in der Debatte, die sich um die Nähe-Distanz-Problematik zu kümmern hätte.

Mein Eindruck? Die Vorträge waren vielseitig, die Diskussionen gaben einen Einblick in die Aufgaben der Wissenschaftler. Die Praktiker am Podium wirkten jedoch irgendwie wie Exoten. Zumindest auf mich. Wieso der Eindruck entstand, verstand ich vorerst nicht. Ziel der Hochschule war es jedenfalls, medienethische Forschung mit praxisorientierter Lehre professionell zu verbinden. So stand es auf der Website der Hochschule. Und am Programm war der ausdrückliche Vermerk „Praxis“ zu lesen.

Am nächsten Tag wurde etwas klarer, wie dieser Eindruck entstehen konnte. Dieser Tag war der Wissenschaft gewidmet. In den Vormittags-Vorträgen ging es  Christian Trentmann von der Universität Tübingen um Litigation-PR und Rüdiger Funiok SJ von der Hochschule für Philosophie München um die Wahrhaftigkeit als Grundrecht der Medienethik. Eine aufregende und äußerst kontroversiell geführte Diskussion um Wahrhaftigkeit der Medien einerseits und skrupellose Methoden der PR andererseits entbrannte. Thomas Leif schilderte die äußerst schwierige Lage für Journalisten, die einem enormen Druck durch Interessen ausgesetzt seien, dem sie sich auch fügten, wenngleich gegen Bezahlung.

Es schnürte mir die Kehle zu, als ich mit einer Wortmeldung darauf aufmerksam machen wollte, ob eventuell irgendwer einmal die Notlage des heutigen Journalismus erkennen und benennen könnte. Meine These:

Die Medienethik muss dringend mit dem Rettungshubschrauber in der Praxis landen. Der Qualitätsjournalismus droht zu verbluten.

Apropos sterben. Gegen Ende der Konferenz  wurde noch das Bild des toten kleinen Ailan auf wissenschaftlicher Ebene thematisiert. Erörtert wurde konkret die visuelle Darstellung toter Flüchtlinge in den Medien. Die unterschwellige Kritik aanmanchen Formen des gegenwärtigen Journalismus war für mich nicht zu überhören. Dies fiel auch einem anwesenden Bildredakteur auf, der eine kritische Wortmeldung dazu abgab. Kurze Zeit später hieß es von Seiten eines Wissenschaftlers dazu: „Man muss kein Huhn sein, um einen Hühnerstall beurteilen zu können„. Gemeint war, man müsse nicht in Redaktionen tätig sein, um diese beurteilen zu können.

Stimmt! Doch ich bin übrigens ein Huhn! Ich bin über 25 Jahre im Journalismus und habe Werbung wie auch später Kommunikation studiert. Ich kann beurteilen, was hier auf dieser Fachkonferenz passiert ist und welch exotische Wirkung dies für mich ausgelöst hat: Ich habe einen Ausflug in einen Glaskasten gemacht. Das erinnert mich an meinen Artikel vom September 2015 auf n21.press mit dem Titel „Erfolgsrezept Menschlichkeit„. Hier schrieb ich zum Bild des kleinen toten Flüchtlingskindes Ailan, was aus neurobiologischer Sich in uns Menschen passiert, wenn wir Bilder mit Gewalt und von Toten sehen, und dass es eben nicht Gewalt und Ausgrenzung waren, die uns Menschen in der Evolution vorangetrieben haben, sondern Kooperation, gegenseitiges Vertrauen und gute Zusammenarbeit.

Genau das gilt auch für ein professionelles, respektierndes und verständnisvolles Verhältnis von Journalismus, PR und Wissenschaft. Es wäre wünschenswert, im nächsten Jahr die Türe des Glaskasten zu öffnen. Ich komme, um dabei zu sein.

BewusstseinGesellschaftJournalismus

Evelyne Huber • 2016-02-19


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