Wie ist es eigentlich so, ein Einling zu sein?

Mein ganzes Leben wurde ich als eineiiger Zwilling stets gefragt, wie das eigentlich so ist, ein Zwilling zu sein. Bis zu dem Moment, als ich die Frage umdrehte. Das war der Moment, als ich den Zwillings-Artikel in der Zeitung “DIE ZEIT” mit der Nummer 3/2016 am 14. Januar 2016 mit dem Titel „Doppelt so stark“ las.

Wie muss es wohl sein, einen eigenen Namen von klein an zu tragen? Ich kann mich an keine Kindheit mit eigenem Namen erinnern. Mein Name deckte den meiner Schwester mit ab. Wir wurden quasi mit einem Doppelnamen angesprochen. Mein Geburtstag war auch nicht mein Geburtstag. Es war stets auch der Geburtstag meiner Schwester. Wir bekamen stets die gleichen Geschenke. Wir bliesen die gleichen Torten aus und auf unseren Geburtstagskarten stand auch stets das gleiche. Wir trugen die gleichen Kleidungsstücke. Bis zu den Haarspangerln war alles gleich. Wir freuten uns genauso wie andere Kinder. Nein eigentlich doppelt – und damit mehrfach.

Wie muss es wohl sein, ein eigenes Gitterbett von Anfang zu haben? Bei mir war es nicht mein Gitterbett, in dem ich in den ersten Wochen nach meiner Geburt schlief, sondern wir Zwillingschwestern schliefen gemeinsam darin, da meine Eltern nicht wussten, dass sie Zwillinge bekamen und kein zweites Gitterbett zur Verfügung stand.

Ein Leben ohne „mein und dein“

Wie muss es wohl sein, alles in seinem Leben als „mein und dein“ zu betrachten? Ich weiss mittlerweile, dieses Wort „mein“ ist für Einlinge sehr wichtig. Das ist überall spürbar.

Ich frage mich oft, was Einlinge wohl alles durchmachen mussten und müssen? Einen kleinen Einblick bekam ich bei einer Besprechung mit einem ehemaligen Geschäftsführer. Es ging um eine schwierige Personalentscheidung in unserem Verlag, die ich als Chefredakteurin zu treffen hatte und mein Vorgesetzter meinte damals zu mit mir. „Damit bist Du nun alleine“. Verdattert starrte ich ihn an und wusste nicht, was er mir damit eigentlich sagen wollte. Ich bin nie alleine. Ich fühle mich nicht alleine gelassen. Ich bin nicht einmal im Bauch meiner Mutter alleine gesessen.

Was heisst das, alleine zu sein?

Wieso verstehen Einlinge denn nicht, dass wir Menschen nie alleine sind. Es ist immer jemand da. Auch wenn es auch nur in Gedanken ist. Wie hart das Leben von Einlingen wohl sein mag, frage ich mir manchmal. Vielleicht werde ich deswegen so oft gefragt, wie das eigentlich so sei, ein Zwilling zu sein.

Einmal fragte mich eine befreundete Redakteurin, ob sich Zwillingsschwestern denn auch so nah wären, dass sie ihre Gedanken lesen könnten. Ich fragte sie zurück, ob denn Einlinge immer ihre Gedanken nur für sich behalten würden? Denn natürlich lautete die Antwort: Ja! Für mich ist es normal, dass ich weiß, wie es meiner Schwester geht und was sie gerade fühlt und denkt. Und auch, dass ich weiß, es ist umgekehrt so. Es ist normal. Es ist nichts Großartiges. Es ist normal, auf jemanden Rücksicht zu nehmen, Liebe und Verantwortung zu tragen und dies nicht an die große Glocke zu hängen. Und gleichzeitig zu wissen, dass es jemanden gibt, der dasselbe bei mir tut.

Es bedarf nicht immer Worte

Oder besser, es bedarf nicht immer vieler Worte, um miteinander zu kommunizieren. Kommunikation ist alles: Auch ein kurzer Blick in die Augen. Auch ein kurzer Gedanke. Das klappt.

Unsere Lebenspartner stehen oft ratlos neben uns, wenn wir Zwillingschwestern miteinander reden und können uns nicht folgen. Wir hüpfen in Gedanken. Wir sind schnell, wenn wir reden. Sie meinen, für sie würde sich das so anhören, als wenn wir nur jeden zweiten Satz aussprechen würden. Daher wissen unsere Partner manchmal nicht, wo wir gedanklich gerade stehen. Darauf muss ich im Berufsleben Rücksicht nehmen. Wenn ich heute als Trainerin vor einem Publikum spreche, muss ich mich jedesmal daran erinnern, nicht zu schnell zu sprechen und jeden Gedanken auszuformulieren. Meine Schwester meinte einmal, sie würde dies nun versuchen so zu regeln, dass sie sich in Gedanken vorstellt, vor ihr würden lauter kleine Kinder oder schlecht Deutsch-sprechende Erwachsene stehen bzw. sitzen.

Als wir in der Schule waren, haben wir uns wortlos die Wahrnehmung geteilt, um sie dann wortlos miteinander aufzuschlüsseln. Ich kann das leider nicht anders – oder in den Worten von Einlingen – formulieren. Ich weiß nur, als wir plötzlich getrennt voneinander in zwei verschiedenen Schulen saßen, hatte ich eine Menge Stress. Mir fehlte ein Teil meiner Wahrnehmung, aber ich habe dennoch alles mitbekommen. Erstmals fühlte ich mich bei Einlingen eigenartig – und so fühle ich mich manchmal heute noch, wenn ich als „quasi Einling“ in meiner Berufswelt herumwandere. Denn meine Schwester wohnt heute in einer anderen Stadt und wir leben ein Leben, wie es für Einlinge üblich ist.

Besonders eigenartig fühle ich mich, weil Einlinge so verschlossen sind und so sehr darauf bedacht sind, auf sich selber zu schauen und versuchen, so viel wie möglich für sich zu behalten. Alles als „mein“ und „dein“ betrachten. Das kenne ich so nicht. Das ist mir fremd. Mir geht es niemals um Konkurrenz oder um Macht. Mir geht es um Kooperation. Damit bin ich aufgewachsen. Und ich fand es toll, dass ich in meiner Kindheit alles teilen musste.

Denn ich musste keinem gefallen

Keinem Schüler, keinem Lehrer, keinen Eltern und keinem Freund oder Freundin. Ich musste auch nichts haben oder besitzen. Ich war einfach in doppelter Ausführung da. Das gab mir Sicherheit. Das gab mir Stärke und Gelassenheit und Mut zum Leben und zu Neuem. Bis heute. Wozu besser sein wollen, als andere? Wozu stärker und erfolgreicher sein wollen, als andere? Wozu alles für sich behalten und nichts teilen? Der der etwas besser kann oder etwas Besseres hat, packt es einfach an. Ohne Konkurrenz und ohne Kampf. So funktionieren Teams.

Es ist ein „Wir“, mit dem ich geboren wurde. Es ist dasselbe “Wir”, in welches wir alle geboren werden.

Posted by Evelyne Huber

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